69,2 Prozent geschlossen: Der Gender Gap ist so klein wie nie – trotzdem fehlen noch 120 Jahre

Global Gender Gap Report 2026 · World Economic Forum

Wie geschlossen ist die Gleichstellungslücke weltweit?

Gender-Gap-Score nach Land, 2026 (0 % = maximale Kluft, 100 % = vollständige Parität)

Karte wird geladen …

Zum Zoomen: Buttons nutzen, per Doppelklick vergrößern, oder Strg/Cmd + Scrollen. Zum Verschieben: Karte anklicken und ziehen.

Größere Kluft
58 %70 %82 %93 %
Geschlossene Lücke

Grau eingefärbte Länder wurden 2026 nicht im Index erfasst. Sehr kleine Inselstaaten (u. a. Malta, Singapur, Bahrain, Barbados, Mauritius, Kap Verde, Komoren, Malediven) sind auf dieser vereinfachten Kartenprojektion nicht darstellbar. Deutschland ist zur Orientierung dunkel umrandet.

World Economic Forum, „Global Gender Gap Report 2026“, September 2026, weforum.org (abgerufen am 17. September 2026). Kartendaten: World Atlas / Natural Earth (ISC-Lizenz).

Zwanzig Jahre nach seiner ersten Ausgabe hat das Weltwirtschaftsforum (WEF) den aktuellen Stand seines Global Gender Gap Report vorgelegt: Der weltweite Gender Gap ist 2026 zu 69,2 Prozent geschlossen – der höchste je gemessene Wert. 145 Volkswirtschaften wurden untersucht, Island führt zum 17. Mal in Folge, Deutschland liegt auf Platz neun. Doch der Bericht warnt: Beim aktuellen Tempo dauert es noch 120 Jahre bis zur vollständigen Gleichstellung, und ausgerechnet in Führungsetagen stockt der Fortschritt bereits wieder.

Zwei Jahrzehnte Daten: Wo die Welt heute steht

Der Global Gender Gap Index misst seit 2006 die Kluft zwischen Frauen und Männern in vier Bereichen: wirtschaftliche Teilhabe, Bildung, Gesundheit und politische Teilhabe. Ein Wert von 100 Prozent würde vollständige Gleichstellung bedeuten. In der 20. Ausgabe des Reports zeigt sich ein zwiegespaltenes Bild: Bildung (96,9 %) und Gesundheit (96,2 %) sind fast ausgeglichen, während wirtschaftliche Teilhabe (61,7 %) und vor allem politische Teilhabe (22,1 %) die größten Lücken aufweisen. Hochgerechnet auf das aktuelle Tempo würde die Bildungslücke in nur 8 Jahren geschlossen sein – bei der Wirtschaft dauert es 129 Jahre, in der Politik sogar 194 Jahre.

Der Fortschritt verlief dabei nicht gleichmäßig: 2019 verzeichneten 76,3 Prozent der untersuchten Volkswirtschaften Verbesserungen, dann bremste die Corona-Pandemie den Trend deutlich aus. Erst seit 2024 gewinnt mehr als die Hälfte der Länder wieder an Tempo. Die größten langfristigen Sprünge seit 2006 schafften unter anderem Namibia, Island, Ecuador, Mexiko, Guatemala und Frankreich – ein Beleg dafür, dass schneller Fortschritt nicht zwingend an wirtschaftlichen Wohlstand gekoppelt ist.

Die Top 10 2026: Nordeuropa dominiert, Namibia sorgt für Überraschung

RangLandScore 2026Score-Veränderung
1Island93,0 %▲ 0,5 % (Rang ▬)
2Finnland87,2 %▼ 0,6 % (Rang ▬)
3Norwegen85,7 %▼ 0,6 % (Rang ▬)
4Namibia84,5 %▲ 3,4 % (Rang ▲4)
5Großbritannien84,2 %▲ 0,4 % (Rang ▼1)
6Neuseeland82,8 %▲ 0,1 % (Rang ▼1)
7Schweden82,3 %▲ 0,6 % (Rang ▼1)
8Australien81,9 %▲ 2,7 % (Rang ▲5)
9Deutschland81,7 %▲ 1,3 % (Rang ▬)
10Irland81,4 %▲ 1,3 % (Rang ▬)

Island bleibt mit 93 Prozent geschlossenem Gender Gap zum 17. Mal in Folge die Nummer eins und ist weltweit die einzige Volkswirtschaft, die die 90-Prozent-Marke überschreitet. Auf den Plätzen zwei und drei folgen Finnland (87,2 %) und Norwegen (85,7 %). Für Aufsehen sorgt Namibia: Mit 84,5 Prozent schafft es das Land auf Rang vier und ist damit die bestplatzierte Volkswirtschaft Subsahara-Afrikas überhaupt.

Komplettiert wird die Top 10 von Großbritannien (84,2 %, Platz 5), Neuseeland (82,8 %, Platz 6), Schweden (82,3 %, Platz 7), Australien (81,9 %, Platz 8 – erstmaliger Einstieg in die Spitzengruppe), Deutschland (81,7 %, Platz 9) und Irland (81,4 %, Platz 10). Seit 2006 stellt Europa 69 Prozent aller Top-10-Plätze; Island, Finnland, Norwegen und Schweden waren sogar in jeder einzigen Ausgabe seit 2006 dabei.

ℹ️ Gut zu wissen: So wird der Index berechnet

Der Index basiert auf 14 Einzelindikatoren aus vier Bereichen (Wirtschaft, Bildung, Gesundheit, Politik). Jeder Wert wird zunächst in ein Frauen-Männer-Verhältnis umgerechnet – bei 20 Prozent weiblichen Ministerinnen also 20 zu 80, also 0,25.

Erreichen oder übertreffen Frauen die Männer bei einem Indikator, wird der Wert bei „Gleichstand“ gekappt – der Index misst nur, wie weit die Lücke geschlossen ist, nicht ob Frauen die Männer überholen.

Die Indikatoren werden zu vier Teilwerten (0 bis 1) zusammengefasst, deren einfacher Durchschnitt den finalen Score ergibt – lesbar als Prozentsatz der geschlossenen Lücke (z. B. 0,817 = 81,7 % bei Deutschland).

93 %

Island, Platz 1

81,7 %

Deutschland, Platz 9

120

Jahre bis zur Parität

Deutschland im Detail: politisch stark, wirtschaftlich abgehängt

Deutschland verbessert sich 2026 um 1,3 Prozentpunkte auf 81,7 Prozent und steht damit zum achten Mal in zwanzig Jahren in der globalen Top 10 – innerhalb Europas die sechstbeste Platzierung. Am stärksten schneidet Deutschland bei der politischen Teilhabe ab: Mit 61,6 Prozent liegt es europaweit auf Platz 5. 2026 erreicht Deutschland erstmals volle Parität auf Ministerebene, im Bundestag liegt die Frauenquote bei 48,2 Prozent.

Ganz anders sieht es bei der wirtschaftlichen Teilhabe aus: Mit 69,6 Prozent liegt Deutschland weltweit nur auf Platz 80, innerhalb Europas sogar auf Platz 29 von 40. Besonders auffällig: Der Frauenanteil unter Führungskräften, leitenden Beamten und Managern lag 2006 noch bei 56,3 Prozent – 2026 sind es nur noch 43,4 Prozent, ein Rückgang von fast 13 Prozentpunkten über zwei Jahrzehnte. Bei Bildung (98,9 %) und Gesundheit (96,6 %) bewegt sich Deutschland dagegen auf einem stabilen, hohen Niveau.

Der Haken: Frauen in Führungspositionen geraten ins Stocken

Der wohl deutlichste Warnhinweis des Reports betrifft Führungsetagen weltweit. Zwischen 2015 und 2025 stieg der Frauenanteil an der gesamten Erwerbsbevölkerung von 39,9 auf 42,0 Prozent, seither sinkt er wieder leicht auf 41,8 Prozent (Stand Juni 2026). Noch deutlicher zeigt sich der sogenannte „Drop to the Top“: Auf Einstiegsebene sind 46 Prozent der Beschäftigten Frauen, in der Chefetage (C-Suite) nur noch 23 Prozent – der Anteil halbiert sich auf dem Weg nach oben.

In klassischen Führungsrollen sind Frauen weiterhin unterrepräsentiert: Nur 19,1 Prozent der Vorstandsvorsitzenden (CEO) sind Frauen, bei Technologievorständen (CTO) sind es sogar nur 8,6 Prozent. Immerhin stieg der Frauenanteil unter CEOs der Fortune Global 500 innerhalb eines Jahrzehnts von 2,8 auf 6,4 Prozent. Der Gesamtanteil von Frauen in Führungsrollen liegt seit 2023 aber bei rund 29 Prozent nahezu unverändert.

Fortschritt bei der Gleichstellung sei möglich, aber weder automatisch noch schnell genug – so bringt WEF-Direktorin Saadia Zahidi im Vorwort des Reports die zentrale Erkenntnis der vergangenen 20 Jahre auf den Punkt.

— Saadia Zahidi, Managing Director, World Economic Forum

Politische Macht: Rückschlag bei Staatsoberhäuptern

Auch in der Politik zeigt sich eine besorgniserregende Entwicklung. Der Anteil weiblicher Staats- und Regierungschefinnen erreichte 2022 mit rund 27 Prozent seinen bisherigen Höchststand – heute, nur vier Jahre später, ist er wieder auf das Niveau von 2016 zurückgefallen. Der Report spricht von einer vollständigen Umkehr innerhalb eines einzigen Jahrzehnts.

Auch bei Ministerposten zeigt sich ein ähnliches Muster wie in der Wirtschaft: Frauen erhalten zwar zunehmend Kabinettsposten, doch diese sind seltener die einflussreichsten. Nahezu doppelt so viele der besonders einflussreichen Ressorts – etwa Finanzen oder Außenpolitik – werden von männlichen Ministern geführt. Die Verfasser des Reports ziehen daraus einen klaren Schluss: Das Problem liegt nicht am fehlenden Talent, sondern an der Verteilung von Macht und Einfluss.

Weiterführende Quellen

Auch interessant