Noch vor wenigen Jahren galten prall gefüllte Einkaufstüten und XXL-Kleiderschränke auf TikTok als Statussymbol. Heute zeigen dieselben Plattformen etwas anderes: kaputte Schuhe, die geflickt statt ersetzt werden, und Zahnpastatuben, die bis zum letzten Rest ausgedrückt werden. Der Trend heißt „Underconsumption Core“ – zu Deutsch etwa „Unterkonsum“ – und trifft in Deutschland gerade auf eine Wirtschaftslage, in der Sparen ohnehin schon zur Notwendigkeit geworden ist.
Was steckt hinter „Underconsumption Core“?
Der Begriff setzt sich aus dem englischen Wort für Unterkonsum und dem Zusatz „Core“ zusammen, der auf Social Media eine bestimmte Ästhetik oder Lebenshaltung kennzeichnet. Statt große Einkaufshauls zu filmen, zeigen Nutzerinnen und Nutzer ihre abgenutzten, aber weiterhin genutzten Alltagsgegenstände.
Zwei Herausforderungen haben sich dabei besonders verbreitet: Bei der sogenannten Project-Pan-Challenge geht es darum, ein Kosmetikprodukt komplett aufzubrauchen, bevor ein neues gekauft wird. Bei der No-Buy-Challenge verzichten Teilnehmende für einen festgelegten Zeitraum bewusst auf alle nicht notwendigen Anschaffungen. Beide Formate sollen den eigenen Konsum sichtbar machen – und hinterfragen.
Wichtig zum Lesen der Zahlen:
Der Konsumklima-Index wird negativer, je schlechter die Verbraucherstimmung insgesamt ist. Die Sparneigung tickt umgekehrt: Je höher der Wert, desto mehr Menschen wollen sparen statt ausgeben.
| Monat | Konsumklima (negativer = schlechtere Stimmung) | Sparneigung (höher = mehr Sparwille) |
|---|---|---|
| Januar 2026 | −26,9 Punkte | 18,7 Punkte ↑ Höchststand seit 2008 |
| März 2026 | −24,7 Punkte | 18,9 Punkte ↑ neuer Rekordwert |
| Mai 2026 | −33,3 Punkte ↓ starker Einbruch (Iran-Krieg) | 16,1 Punkte ↓ leicht rückläufig, aber weiter hoch |
| Juli 2026 | −29,2 Punkte ↑ leichte Erholung | 17,0 Punkte ↑ steigt wieder an |
Quelle: NIM/GfK Konsumklima (monatliche Pressemitteilungen, Dez. 2025 – Juli 2026), Befragung im Auftrag der EU-Kommission, ca. 2.000 Verbraucherinterviews pro Erhebung
Die Zahlen hinter dem Trend
Was auf Social Media wie eine Modeerscheinung wirkt, lässt sich inzwischen auch in harten Wirtschaftsdaten ablesen. Das GfK-Konsumklima vom Dezember 2025 zeigt einen deutlichen Rückgang bei der Einkommenserwartung – und einen gleichzeitigen Anstieg der Sparneigung. Rolf Bürkl, Head of Consumer Climate beim Nürnberger Institut für Marktentscheidungen (NIM), ordnet das ein: Die Sparneigung sei auf den höchsten Stand seit der Finanzkrise 2008 geklettert.
Höchststand
Sparneigung seit der Finanzkrise 2008
1.000
befragte Verbraucher:innen in Deutschland (Capgemini-Studie)
2024
Entstehungsjahr des Trends auf TikTok
Auch das Capgemini Research Institute hat für seinen Consumer Trends Report 2026 rund 12.000 Verbraucherinnen und Verbraucher weltweit befragt, davon 1.000 in Deutschland. Das Ergebnis: Sinkende Kaufkraft und wirtschaftliche Unsicherheit lassen viele Menschen genauer abwägen, wofür sie ihr Geld ausgeben – und wo gespart werden kann.
Verzicht und kleine Belohnungen zugleich
Ganz so einfach ist die Rechnung allerdings nicht. Achim Himmelreich, der bei Capgemini den Bereich Consumer Engagement für Konsumgüter und Handel leitet, beschreibt eine gegenläufige Bewegung.
„Einerseits drücken die Preissteigerungen der vergangenen Jahre bei zahlreichen Verbrauchern auf den Geldbeutel. Andererseits gibt es einen klaren Trend, sich durch spezifischen Konsum vor allen Dingen emotional zu belohnen.“
— Achim Himmelreich, Capgemini Research Institute
Menschen sparen also bei alltäglichen Ausgaben, um sich an anderer Stelle gezielt kleine Belohnungen leisten zu können. Underconsumption Core ist damit weniger ein Verzicht auf jeden Konsum, sondern vor allem ein bewussterer Umgang damit: Wer weniger will, kann sich das Wenige, das er wirklich möchte, eher leisten.
Ist das echte Konsumkritik oder nur der nächste Zyklus?
Nicht alle sehen in dem Trend eine grundsätzliche Wende. Der US-Wirtschaftswissenschaftler Reilly White von der University of New Mexico ordnet die Entwicklung im Sender KUNM nüchtern ein: Ein solches Hin und Her zwischen Kaufrausch und Kaufverzicht sei im Kapitalismus keine Seltenheit. Befeuert werde die aktuelle Welle vor allem durch die soziale Dynamik der Plattformen selbst.
Diese Einordnung liefert einen wichtigen Gegenpol zur oft euphorischen Berichterstattung über den Trend. Ob aus finanzieller Not oder ehrlicher Überzeugung heraus – am Ende bleibt Konsumverhalten stark von wirtschaftlichen Rahmenbedingungen abhängig, nicht nur von individuellen Einstellungen.
Wenn Verzicht selbst zum neuen Statussymbol wird
Eine weitere Ironie liegt nahe: Auch Konsumverzicht lässt sich vermarkten. Kulturkritische Stimmen weisen darauf hin, wie schnell aus einer eigentlich sinnvollen Idee ein neuer Kaufanreiz werden kann. Ein bekanntes Beispiel dafür ist der Wiederverwendungs-Trinkbecher, der ursprünglich Plastikflaschen ersetzen sollte – und selbst zum Sammelobjekt wurde, von dem manche Menschen inzwischen mehrere Dutzend besitzen.
Die Gefahr bei Underconsumption Core: Sobald „bescheiden aussehen“ selbst zur Ästhetik wird, die neue Second-Hand-Käufe oder bestimmte „richtige“ Abnutzungsspuren verlangt, hat sich der ursprüngliche Gedanke bereits wieder ins Gegenteil verkehrt. Der Trend bleibt deshalb ein Balanceakt zwischen echtem Umdenken und der nächsten Marketing-Welle.
Weiterführende Quellen
- marktforschung.de: Konsumklima – Enttäuschender Ausblick für das Jahr 2026
- Capgemini: Consumer Trends Report 2026
- KUNM: „Overconsumption core“ is trending online. What does it mean?
- kess.de: Underconsumption Core – Der TikTok-Trend der uns vom Kaufrausch befreit
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Tom ist der Hauptautor von beachtenswert.org und freut sich immer über Feedback. Mit journalistischer Erfahrung seit 2012, als Buchautor aktiv und mit großer Passion für das Weltenbummeln (mit Betonung auf Bummeln.)

