Haven-1: Die erste kommerzielle Raumstation der Welt nimmt Gestalt an

Raumstation Haven-1 in dem Erdorbit

Das kalifornische Startup Vast will mit Haven-1 die weltweit erste privat gebaute Raumstation ins All bringen. Per SpaceX Falcon 9 soll die 14 Tonnen schwere Station in den niedrigen Erdorbit gelangen und dort bis zu vier Astronauten für jeweils mehrere Wochen beherbergen. Gegründet 2021, hat das Unternehmen in Rekordtempo eine flugfertige Raumstation entwickelt – mit Kuppelfenster, Starlink-Internet und eigenem Forschungslabor. Haven-1 markiert den Beginn einer neuen Ära der kommerziellen Raumfahrt, während die Internationale Raumstation ISS spätestens 2030 in den Ruhestand geht.

14 t

Startmasse

45 m³

Bewohnbares Volumen

4

Astronauten pro Mission

3 Jahre

Geplante Lebensdauer

Von der Idee zur Raumstation in drei Jahren

Was Vast in wenigen Jahren auf die Beine gestellt hat, ist selbst für die Raumfahrtbranche bemerkenswert. Gegründet 2021 von dem französisch-amerikanischen Unternehmer Max Haot, beschäftigt das Unternehmen mit Sitz in Long Beach, Kalifornien, mittlerweile rund 800 bis 950 Mitarbeitende. Nahezu alle Schlüsselkomponenten der Station werden im eigenen Haus gefertigt – nur Solarpaneele und Triebwerke kommen von externen Zulieferern.

Die Hauptstruktur von Haven-1 ist die erste Raumstationsstruktur, die seit über 20 Jahren in den USA gefertigt wurde. Im Oktober 2025 wurde die letzte Schweißnaht an der Primärstruktur gesetzt. Anschließend durchlief das Modul Druck- und Belastungstests im kalifornischen Mojave. Ein wichtiger Meilenstein war zudem der erfolgreiche Start von Haven Demo im November 2025 – einem Demonstrationssatelliten, der kritische Raumstations-Technologien im Orbit erprobt.

Sieben Mitglieder des Vast-Führungsteams kommen von SpaceX. Diese enge personelle Verbindung beschleunigt die Entwicklung erheblich. CEO Max Haot betont die iterative Entwicklungsphilosophie: Erst klein testen, lernen und verbessern, dann größer bauen. Ein bewährtes Vorgehen, das auch SpaceX selbst bei seinen Cargo- und Crew-Programmen erfolgreich angewendet hat.

Was Haven-1 an Bord hat

Haven-1 ist ein zylindrisches Modul mit einem Durchmesser von 4,4 Metern und einem bewohnbaren Volumen von 45 Kubikmetern – ungefähr so viel Platz wie im Innenraum eines kleinen Reisebusses. Das entspricht etwa einem Achtel des nutzbaren Raums der ISS.

Herzstück des Designs ist ein 1,1 Meter großes Kuppelfenster, durch das die Besatzung die Erde beobachten und fotografieren kann. Im Inneren befinden sich vier Schlafkabinen mit aufblasbaren Betten, die speziell für die Schwerelosigkeit konzipiert wurden. Ein ausklappbarer Gemeinschaftstisch dient als Treffpunkt zum Essen und für Besprechungen.

Das integrierte Forschungslabor Haven Lab bietet zehn standardisierte Nutzlast-Einschübe, die mit dem Format der ISS kompatibel sind. Fünf Unternehmen, darunter Redwire und Yuri, sind bereits als Forschungspartner an Bord. Experimente zur Proteinkristallisation, zum Pflanzenwachstum und zur Medikamentenentwicklung in der Mikrogravitation sind geplant.

Eine Besonderheit ist die Starlink-Anbindung. Haven-1 wäre damit die erste Raumstation mit Hochgeschwindigkeits-Internet über SpaceX‘ Satellitenflotte. Über Laserterminals soll die Verbindung zum Starlink-Netzwerk hergestellt werden – ein deutlicher Fortschritt gegenüber den oft langsamen Verbindungen auf der ISS.

ℹ️ Gut zu wissen

Haven-1 nutzt ein vereinfachtes Lebenserhaltungssystem mit sogenannter „offener Schleife“ – ähnlich wie beim Space Shuttle. Das bedeutet, dass Luft und Wasser nicht vollständig recycelt, sondern mitgebracht werden. Dieses System reicht für kurze Missionen von bis zu 30 Tagen aus und vereinfacht die Konstruktion erheblich. Erst die geplante Nachfolgestation Haven-2 soll ein geschlossenes Kreislaufsystem erhalten.

Der Zeitplan: Ambitioniert, aber verschoben

Ursprünglich hatte Vast den Start von Haven-1 für Mai 2026 angekündigt. Im Januar 2026 gab das Unternehmen jedoch bekannt, dass sich der Start auf frühestens das erste Quartal 2027 verschiebt. Grund dafür sind die umfangreichen Integrations- und Testarbeiten, die mehr Zeit in Anspruch nehmen als erwartet.

Die Umwelttestkampagne – darunter Vibrations-, Akustik- und Thermalvakuumtests – findet im NASA Glenn Research Center in Ohio statt. Es ist weltweit eine der wenigen Einrichtungen, die ein Objekt von der Größe Haven-1 testen kann. NASA unterstützt das Projekt im Rahmen eines Space Act Agreement.

Ein entscheidender Faktor ist die Sicherheitsfreigabe durch SpaceX. Bevor eine Crew Dragon-Kapsel an Haven-1 andocken darf, muss SpaceX überzeugt sein, dass die Station sicher genug ist. CEO Haot beschrieb den Prozess als umfangreiche vertragliche und technische Verifikation. Die erste bemannte Mission – Vast-1 – soll vier Astronauten für bis zu 30 Tage zur Station bringen.

„Wenn alles nach Plan läuft, werden wir die erste eigenständige kommerzielle Plattform im niedrigen Erdorbit sein – ein unglaublicher Wendepunkt für die bemannte Raumfahrt.“

— Drew Feustel, Lead Astronaut bei Vast und ehemaliger NASA-Astronaut

Der Wettlauf um die Nachfolge der ISS

Die Internationale Raumstation ISS soll spätestens 2030 außer Betrieb genommen werden. Seit über zwei Jahrzehnten ist sie durchgehend bewohnt und dient als Labor für Forschung in der Schwerelosigkeit. Doch die Station ist in die Jahre gekommen, und ihre Betriebskosten belasten das NASA-Budget erheblich.

Deshalb setzt die US-Raumfahrtbehörde auf kommerzielle Nachfolger. Im Rahmen des Programms „Commercial LEO Destinations“ (CLD) vergibt NASA Verträge im Wert von insgesamt 1,5 Milliarden Dollar an private Unternehmen. Die Vergabe der entscheidenden Phase-2-Verträge steht 2026 an.

Vast ist nicht das einzige Unternehmen im Rennen. Axiom Space plant, zunächst Module an die ISS anzudocken und diese später zu einer eigenständigen Station zusammenzufügen. Voyager Space und Airbus entwickeln gemeinsam Starlab. Northrop Grumman und Blue Origin arbeiten ebenfalls an eigenen Konzepten.

Vasts Strategie ist bewusst offensiv: erst fliegen, dann den großen NASA-Vertrag gewinnen. Wenn Haven-1 tatsächlich als erste kommerzielle Station im Orbit ist, wäre das ein starkes Signal an die Vergabegremien. Die Nachfolgestation Haven-2 ist bereits in Planung – ein Multimodul-Komplex mit über 500 Kubikmetern bewohnbarem Volumen, mehr als die ISS heute bietet.

Was Haven-1 für die Zukunft der Raumfahrt bedeutet

Haven-1 steht für einen grundlegenden Wandel in der Raumfahrt. Jahrzehntelang waren Raumstationen ausschließlich staatlich finanzierte Großprojekte. Nun übernehmen private Unternehmen diese Rolle – mit dem Ziel, den Zugang zum Weltraum effizienter, günstiger und vielseitiger zu gestalten.

Für Vast geht es nicht nur um Prestige. Das Unternehmen sieht langfristig kommerzielle Einnahmen durch Forschungsaufträge in der Mikrogravitation – etwa in der Arzneimittelentwicklung, der Halbleiterproduktion und der Materialwissenschaft. Auch Länder ohne eigenes Raumfahrtprogramm sollen die Möglichkeit bekommen, Astronauten ins All zu schicken.

Bemerkenswert ist auch die Designphilosophie. Im Gegensatz zur ISS, die oft eher wie eine schwebende Werkstatt wirkt, setzt Haven-1 auf ein „menschenzentriertes“ Interieur. Die Crew soll sich wohlfühlen, besser schlafen und produktiver arbeiten. CEO Haot formuliert es pragmatisch: Wer besser ruht, arbeitet besser.

Ob Haven-1 tatsächlich die Raumfahrt revolutioniert, wird sich erst nach dem Start zeigen. Doch eines ist bereits jetzt klar: Die Ära der rein staatlichen Raumstationen neigt sich dem Ende zu. Und mit Unternehmen wie Vast, Axiom und SpaceX wird der niedrige Erdorbit zunehmend zum Wirtschaftsraum.

Parallel zu Haven-1 treiben weitere Missionen die Erforschung des Weltraums voran – etwa das NASA-Teleskop SPHEREx, das erstmals eine dreidimensionale Karte des gesamten Universums erstellen soll.

Weiterführende Quellen