Der Klusfelsen: Ein Fels als Archiv aus Erdzeit, Glauben und Sage

Klusfelsen in Goslar.
Der Klusfelsen erhebt sich unvermittelt aus dem Wald am Rand des Petersbergs – von Weitem kaum als das zu erkennen, was er ist. (Bild: beachtenswert)

Warum hauen Menschen im Mittelalter eine Kammer in einen Sandsteinfelsen, um darin zu beten? Und warum hält sich bis heute die Vermutung, der Klusfelsen bei Goslar sei schon Jahrtausende vor dieser Einsiedelei ein Kultort gewesen? Belegt ist wenig, vermutet wird viel – und genau dieses Spannungsfeld aus geologischem Fakt, urkundlicher Erwähnung und mündlicher Sage macht den unscheinbaren Fels am Rand des Petersbergs zu einem der eigenartigsten Orte im Harzvorland. Ein Ortsbesuch mit offenen Fragen.

Ein Fels, den man erst finden muss

Nordöstlich der Goslarer Altstadt, am bewaldeten Abhang des Petersbergs, liegt der Klusfelsen abseits der üblichen Touristenrouten. Wer ihn sucht, findet zunächst wenig mehr als einen unscheinbaren Hinweis zwischen Wohnhäusern und einem Seniorenheim – die markante, knapp 20 Meter hohe und rund 50 Meter lange Felsrippe zeigt sich erst aus unmittelbarer Nähe. Genau darin liegt ein Teil ihrer Wirkung: Anders als die bekannten Wahrzeichen der Kaiserstadt drängt sich der Klusfelsen niemandem auf.

Der Fels liegt auf einer geologischen Störungszone am Rand des Harzes, umgeben von Wald, und steht heute unter Denkmalschutz. Weder dürfen Gesteinsproben entnommen noch darf die Felswand bestiegen werden – ein Hinweis darauf, dass hier ein empfindliches Stück Erd- und Kulturgeschichte zugleich geschützt wird.

Gesamtansicht des Klusfelsen (Foto: beachtenswert)

Wie der Fels entstand – und wie ihn die Sage erklärt

Geologisch ist der Klusfelsen ein Relikt der Unterkreide: Vor rund 110 Millionen Jahren lagerte sich in einem flachen Meer der gelbe, poröse Hilssandstein ab, aus dem er heute besteht. Als sich die Harzscholle am Ende der Kreidezeit hob, wurden die ursprünglich waagerechten Gesteinsschichten nahezu senkrecht aufgerichtet – ein Vorgang, den man bis heute an den steil stehenden Schichtflächen der Felswand ablesen kann.

Die Sage erzählt die Entstehung anders. Ihr zufolge lebten einst Riesen im Harz. Einer von ihnen wanderte durch die Gegend von Goslar, als ihn plötzlich ein Kieselstein im Schuh störte. Er setzte sich auf den Petersberg, zog den Schuh aus und warf den Stein fort – und ausgerechnet dieser Kiesel soll der heutige Klusfelsen sein. Beim Sitzen drückte der Riese zugleich den Klusteich in den Boden, und mit der Spitze seines Säbels schnitt er die Kerbe auf, aus der seither die Lilienquelle fließt.

Die Klause im Stein: Einsiedler, Kapelle, Goethe

Der Name des Felsens geht auf das mittelhochdeutsche Wort „Kluse“ zurück – die Bezeichnung für die Behausung eines Eremiten, abgeleitet vom lateinischen „clausum“, dem abgeschlossenen Raum. Im Jahr 1167 wurde in einer natürlichen Höhle des Felsens eine Marienkapelle eingerichtet, die sogenannte Kluskapelle; die Einsiedelei selbst ist erstmals 1169 urkundlich belegt.

ℹ️ Gut zu wissen

Der Name „Klusfelsen“ stammt vom mittelhochdeutschen Wort „Kluse“ (Klause) – der Bezeichnung für die einsame Behausung eines Einsiedlers. Das Wort selbst geht auf das lateinische „clausum“ zurück, den „abgeschlossenen Raum“.

Ein Mönch soll dort gelebt und gebetet haben – über eine in den Stein gehauene Treppe und eine Brücke erreichte man den kleinen, künstlich geglätteten Vorplatz vor dem Kapelleneingang. Nach der Reformation verlor der Ort seine religiöse Funktion und diente zeitweise schlicht als Wohnung. Erst mit der Romantik wurde zu Beginn des 19. Jahrhunderts wieder eine Kapelle eingerichtet – passend zur damaligen Vorliebe für mystische, geschichtsträchtige Orte. Berühmtester Besucher des Klusfelsens war Johann Wolfgang von Goethe, der ihn am 2. September 1784 während seiner dritten Harzreise gemeinsam mit dem Maler Georg Melchior Kraus aufsuchte; Kraus fertigte dabei eine Zeichnung des Felsens an. Im späteren 20. Jahrhundert verfiel die Kapelle zunehmend, bevor der Rotary Club Goslar sie 1983 aufwendig restaurierte.

vor ca. 110 Mio. Jahren

Ablagerung des Sandsteins in einem flachen Kreidemeer.

1167

Einrichtung der Marienkapelle (Kluskapelle) in einer natürlichen Höhle des Felsens.

1169

Erste urkundliche Erwähnung der Einsiedelei im Klusfelsen.

1784

Besuch Johann Wolfgang von Goethes während seiner dritten Harzreise.

1983

Restaurierung der verfallenen Kluskapelle durch den Rotary Club Goslar.

Marienstatue im Klusfelsen in Goslar.
Das vergitterte Innere der Kluskapelle mit einer Marienstatue (Foto: beachtenswert)

Uralter Kultplatz? Zwischen Vermutung und Mystik

Ob der Klusfelsen bereits vor der mittelalterlichen Einsiedelei als Kultstätte diente, lässt sich archäologisch nicht belegen – wird aber seit Langem vermutet. An der Südwestseite der Felswand befindet sich eine auffällige, rechteckige Vertiefung, in der manche Regionalforscher einst Platz für vorchristliche Darstellungen sehen, die nach der Zwangschristianisierung der Sachsen entfernt worden seien. Auch eine vermauerte, für ein Fenster zu klein geratene Öffnung neben dem Kapelleneingang sowie ein dahinterliegender, heute unzugänglicher Gang haben Spekulationen über eine astronomisch-kultische Nutzung befeuert – Belege dafür fehlen bislang.

Diese Aura des Geheimnisvollen zog im 20. Jahrhundert auch fragwürdige Interessenten an: Der SS-Okkultist Karl Maria Wiligut, später Berater Heinrich Himmlers in pseudohistorischen Fragen, ließ sich von der Mystik des Ortes inspirieren und suchte ihn mehrfach auf. Solche Deutungen sagen mehr über ihre Urheber als über den Felsen selbst – sie gehören dennoch zur wechselvollen Rezeptionsgeschichte des Ortes.

Ein Ort für alle, die genau hinschauen

Der Klusfelsen steht heute unter Denkmalschutz: Weder dürfen Gesteinsproben entnommen noch darf der Fels bestiegen werden. Die Kluskapelle selbst ist meist nur durch Gitter einsehbar, der Schlüssel liegt beim Rotary Club Goslar. Wer den Ort besucht, bekommt trotzdem einen unmittelbaren Eindruck davon, wie viele Zeitebenen sich hier überlagern – von der Kreidezeit über das Mittelalter bis zur Goethezeit und darüber hinaus.

Am Ende bleibt der Klusfelsen genau das, was schon die Annäherung an ihn nahelegt: ein Ort, an dem sich Nachweisbares und Vermutetes nicht sauber trennen lassen – und der gerade deshalb zum genauen Hinsehen einlädt.

Weiterführende Quellen

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